
Heimerziehung im Nationalsozialismus am Beispiel des
Kreiserziehungsheims Mühlheim am Main
Eine Recherche
Ausstellung vom 22.02 – 01.03.2026
Remisengalerie
Vernissage: Samstag, 21. Februar 2026, 18 Uhr
Einführung: Frank Zimmermann, Chiara Seiberth
Öffnungszeiten: jeweils samstags und sonntags von 14 – 17 Uhr.
Führungen für Schulklassen Mo. – Fr., stündlich 9 – 14 Uhr, nach Anmeldung
Eintritt frei.
Christian M., vergiftet mit Kohlenmonoxid in Hadamar 1941; Willi K., „liquidiert“ in Hadamar 1944. Zwei dokumentierte Schicksale von vielen weiteren, die wohl nie mehr aufklärt werden. Die jungen Menschen waren zuvor im Erziehungsheim des Kreises Offenbach (in Mühlheim, auf dem heutigen Gelände der Bereitschaftspolizei) untergebracht, von wo aus sie seinerzeit systematisch zur Zwangssterilisation oder in den Tod geschickt wurden.
„Ich habe mittlerweile Belege, dass das Kreiserziehungsheim Teil der Umsetzung der erweiterten Euthanasie im Dritten Reich war“, sagt Frank Zimmermann. Der Mühlheimer hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein braunes Kapitel regionaler Geschichte ans Licht zu zerren. Diese bereits mehrfach gezeigte Ausstellung dokumentiert seine Recherche.
Neben bereits gut aufgearbeiteten Bedeutungen vergleichbarer Einrichtungen, zum Beispiel des Kalmenhofs in Idstein oder des Eichbergs im Rheingau, war der von den Nazis sogenannte besondere Erziehungsauftrag für das Kreiserziehungsheim Mühlheim vor Zimmermanns erster Ausstellung unbekannt. Dieser Erziehungsauftrag habe nichts anderes beinhaltet, als Zöglinge der Ermordung in der Tötungsanstalt Hadamar zuzuführen. Das Erzeihungsheim wurd 1895 errichtet, 1951 zog die Bereitschaftspolizei in das Gebäude.
Eine zentrale Rolle in der gut geölten Maschinerie der Grausamkeit spielte der Anstaltsleiter Pfarrer Hans Hoffmann. Der stramme Nazi hatte die Leitung des Heims von seinem Vater übernommen und war bis 1945 dort als Direktor tätig. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er 1948 unbehelligt in den Dienst der Kirche zurück, war von 1951 bis 1968 evangelischer Pfarrer in Rumpenheim.
„Neben seiner Rolle als führender Nationalsozialist in Mühlheim, verantwortete er als Anstaltsleiter der Kreiserziehungsanstalt die Umsetzung der Rassenhygiene des Dritten Reichs durch Sterilisationen bei Kindern und Jugendlichen. Zudem hat er mit seinen anvertrauten Jugendlichen aktiv an der Zerstörung der Mühlheimer Synagoge in der Reichspogromnacht mitgewirkt“, berichtet Frank Zimmermann.
Was nicht nur Zimmermann als Ungeheuerlichkeit empfindet: Die regionale Historie zeichnet vom Nazi-Pfarrer trotz Kenntnis seiner Tätigkeit als Anstaltsleiter ein geschöntes Bild. So habe ihm etwa Helmut Hill, der Autor des 2006 erschienen Werks „Rumpenheim und Waldheim - Lebendige Stadtteile von Offenbach am Main“ bestätigt, dass die Vorgeschichte des Pfarrers Hans Hoffmann und seine aktive Rolle als führender Nationalsozialist in Mühlheim, sowohl ihm als auch der Bevölkerung in Rumpenheim bekannt gewesen sei.
Stattdessen enthält das Buch Erinnerungen von Hofmanns Tochter, die ihren Vater ausführlich als rührenden Seelsorger und Hobbyimker beschreibt, dessen „Liebe zum Dienst, zu seiner Familie und der Natur“ für ihn die „Grundlage seiner christlichen Lebensweise und seines Glaubens“ bedeutet habe.
In der NS-Zeit hatte sich indes ein anderer Hans Hoffman offenbart. Im Fall des eingangs genannten Willi K., der nach Strafverbüßung in einem Jugendgefängnis „wegen missbräuchlicher Fahrradbenutzung, Unterschlagung und Schulversäumnis“ kurz im Kreiserziehungsheim Mühlheim untergebracht war, schlug Heimleiter Hans Hoffmann vor, „bei diesem gemeinschaftsfremden Analphabeten „möglichst schnell zur endgültigen Liquidation zu kommen.“
Einem weiteren 15 Jahre alten Jungen, der von Oktober 1934 bis Mai 1935 in seiner Anstalt untergebracht war, bescheinigte der Pfarrer in einer zustimmenden Stellungnahme zum Antrag auf Zwangssterilisation des Erbgesundheitsgerichts am Amtsgericht Offenbach: Schon konstitutionell sei er das ausgesprochene Bild der Degeneration: „Vogelkopf, vorstehender spitzer Oberkiefer, hoher Gaumen, schlotternder Gang, schmächtiger Körperbau bei weit über das Alter entwickelten Geschlechtsmerkmalen.“
(Auszug aus einem Artikel von Matthias Dahmer in der Offenbach-Post vom 17.04.2021)